Die Schlange schlängelt friedlich über die Erde und beobachtet die beiden Menschen, die ebenfalls hier leben: Adam und seine Frau, die aus seiner Rippe geschaffen wurde und noch keinen Namen hat. Die beiden sind nackt, doch sie schämen sich nicht. Wozu auch? Alles ist gut, so wie es ist.
Sorglos ernähren sich die Menschen von den Früchten der zahlreichen Bäume im Garten. Die Schlange beobachtet sie und stellt fest, dass sie von allen Bäumen essen – ausser von einem. Obwohl sie schlau ist, kann sie sich das nicht erklären. Und wie das so ist bei schlauen Wesen: Sie fragen nach, wenn sie etwas nicht begreifen. Da die Schlange aber nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen will, erkundigt sie sich etwas umständlich bei der Frau: «Hat Gott wirklich gesagt, dass ihr von keinem Baum des Gartens essen dürft?» Die Frau erklärt ihr, Gott habe ihnen erlaubt, von den Früchten aller Bäume zu essen. Nur von diesem einen Baum in der Mitte des Gartens dürften sie nicht essen. Wenn sie sich nicht an dieses Verbot hielten, würden sie sterben.
Lange denkt die Schlange über diese Antwort nach und sagt dann zur Frau: «Nein, ihr werdet nicht sterben. Gott weiss vielmehr. Sobald ihr davon esst, gehen auch euch die Augen auf, ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.» Niemand weiss, woher die Schlange das wusste. Aber es ist gut möglich, dass sie schon selbst einmal von einer solchen Frucht genascht hat. Für die Frau ist es ein völlig neuer Gedanke. Ein Gedanke, den zu denken ihr bisher gar nicht möglich gewesen war. Doch es braucht keine Argumente, um sie zu überzeugen. Zu köstlich sehen die Früchte aus. Zu verlockend ist die Aussicht, klug zu werden. Sie beschliesst das Experiment zu wagen, greift nach der Frucht und isst davon. Dann bietet sie ihrem Mann ebenfalls eine dieser Früchte an. Auch er nimmt sie ohne zu zögern und beisst hinein.
Da gehen beiden die Augen auf und sie erkennen, dass sie nackt sind. Sie heften Feigenblätter zusammen und machen sich daraus ein notdürftiges Kleid. Und den Rest der Geschichte kennen wir: Gott merkt natürlich, dass die beiden ihm nicht gehorcht haben. Adam versucht noch, seiner Frau die Schuld in die Schuhe zu schieben und diese wiederum erklärt, die Schlange habe sie verführt. Doch Gott lässt sich nicht täuschen. Er bestraft alle drei. Die Schlange muss fortan auf dem Bauch kriechen und Staub fressen. Und damit sich die Geschichte nicht wiederholt, soll künftig Feindschaft herrschen zwischen ihr und den Menschen.
Für die Frau hat sich Gott eine besondere Strafe ausgedacht. Sie soll ihre Kinder unter Schmerzen gebären und darüber hinaus soll der Mann über sie herrschen. Damit ist es vorbei mit der Gleichberechtigung. Doch auch der Mann kommt nicht ungeschoren davon: Von nun an muss er arbeiten und dem Boden mühsam seine Nahrung abringen. Adam scheint sich allerdings schnell mit seiner neuen Rolle als Herrscher über seine Frau anzufreunden. Als erster Akt gibt er ihr einen Namen. Er nennt sie Eva – «Leben».
Und die Schlange? Sie fühlt sich zu Unrecht bestraft. Schliesslich hat sie nur eine Frage gestellt und eine als Drohung verpackte Unwahrheit aufgedeckt. Die Menschen haben freiwillig von der Frucht gegessen und sind nicht daran gestorben. Mehr noch: Sie haben etwas Entscheidendes gewonnen – Erkenntnis. Indem Adam und Eva nun Gut und Böse unterscheiden können, sind sie fähig, moralisch zu urteilen. Sie werden sich ihrer selbst bewusst und beginnen, sich mit den Augen des anderen zu sehen. Diese neuen Fähigkeiten bringen nebst Freiheit auch Verantwortung für das eigene Handeln und seine Folgen. Adam und Eva sind erwachsen geworden und haben dafür das Paradies verloren.
Die Schlange hat diesen Entwicklungsprozess angestossen. Sie wird bis heute gefürchtet und gilt vielen als Verführerin. Vielleicht gerade wegen ihrer Klugheit? Weil sie Fragen stellt, Gewissheiten ins Wanken bringt und mit wenigen Worten eine neue Sicht auf die Dinge eröffnet?
Doch nicht immer wird die Schlange als gefährlich wahrgenommen. Der griechische Gott der Heilkunst, Asklepios, wird traditionell mit einem Stab dargestellt, um den sich eine Schlange windet. Im Äskulapstab, der bis heute als Symbol der Medizin dient, steht die Schlange für Heilung und Erneuerung, für Wissen und Weisheit – aber auch für die Nähe von Leben und Tod. Ihr Gift kann töten oder als Heilmittel eingesetzt werden.
Ob im Paradies oder in der Medizin: Die Schlange ist ein Symbol für eine Erkenntnis, die das Leben der Menschen verändern kann. Und damit stellt sich am Ende die Frage: Fürchten wir die Schlange oder die Erkenntnis, die sie uns zumutet?
© Bernadette Gisler